Interview mit Prof. Dr. Jörg Reitzig im Rahmen unserer Kampagne zum Thema „Arbeit“

Im Rahmen unserer FB-Kampagne zum ersten Mai rund um Lohnarbeit haben wir Menschen aus unterschiedlichen Spektren interviewt, da es uns wichtig war verschiedene Perspektiven zu verschränken. Z.B linker Betriebsaktivisten, eine Personalrätin im Sozialen Dienst und einen ehemaligen Arbeiter in einem selbstverwalteten Betrieb.

Den Abschluss unserer Interviewreihe zum Thema Arbeit bildet das folgende Interview mit Prof. Dr. Jörg Reitzig der an der Hochschule Ludwigshafen lehrt:

1. In der modernen, menschlichen Geschichte ist es üblich, seine Arbeitskraft an andere Menschen oder Firmen zu verkaufen. War das schon immer so?

Ich verstehe Arbeit mit Marx zunächst einmal als einen „Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“ (MEW 23, 192). Lohnarbeit ist insofern – nach wie vor – nur ein Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit.

Überdies gelingt heute vielen der Verkauf ihrer Arbeitskraft gar nicht mehr, weil die Art und Weise, in der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen organisiert ist, sie zu Überzähligen auf dem Arbeitsmarkt macht. Das eine Gesellschaft es sich leistet, einen Teil ihrer Wertschöpfungskraft brach liegen zu lassen, ist tatsächlich eine verhältnismäßig neue Erscheinung in der Geschichte der Menschheit.

2. Welche Veränderungen in der jüngeren Vergangenheit kann man feststellen?

Zusätzlich zur anhaltenden Massenarbeitslosigkeit vor allem wachsende Prekarität und die Ausweitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse, d.h. von befristeten, geringfügigen, in Teilzeit oder Leiharbeit ausgeübten Tätigkeiten. Die Anzahl davon betroffener Menschen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt. Viele davon im Niedriglohnbereich, der in Deutschland so stark angewachsen ist, wie in keinem anderen Industrieland.

Derzeit arbeiteten über acht Millionen Menschen zu Niedriglöhnen. Daran hat übrigens auch die Einführung eines Mindestlohns aufgrund seiner bislang zu geringen Höhe erstmal nichts geändert. Dennoch ein Schritt in die richtige Richtung.

3. Kann man einen Ausblick wagen, wie die Formen der Arbeit aussehen werden, falls es ungehindert so weiter geht wie bisher? Gibt es schon jetzt extreme Beispiele für diese Zukunftsvision?

Beispiele für schlechte Arbeit (gesundheitsgefährdend, schlecht bezahlt, monoton, unsicher etc.) gibt es allenthalben um uns herum. Da muss man nur hingucken. Gute Arbeit durchzusetzen ist letztlich eine Frage der Entwicklung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, hängt also davon ab, was sich die Menschen gefallen lassen.

Ansonsten halte ich die Feststellung von Oskar Negt für zutreffend: „die Alternative zum System bürgerlicher Erwerbsarbeit, das uns vielleicht dumm und einseitig gemacht hat, aber in den Produktangeboten auch mit reichhaltigen Möglichkeiten ausgestattet hat, [ist] nicht der illusionäre Idealismus der Aufhebung von Arbeit, sondern der Kampf um die Vervielfältigung und Erweiterung gesellschaftlich anerkannter Formen von Arbeit, die der Eigenproduktion, der Selbstverwirklichung und dem Gemeinwesen dienen.“ (Negt 2001: Arbeit und Menschliche Würde, Göttingen, S. 429)

4. Sind andere Formen der Arbeit denkbar, bzw. wie könnten diese aussehen?

Klar, z.B. Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf z.B. 20 Stunden, mit Lohnausgleich. Das wäre dann ebenso ein Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit – die ja nichts anders ist, als Arbeitszeitverkürzung auf Null für einen Teil der Erwerbsbevölkerung – wie ein Schritt zur gerechteren Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit. Zudem mehr Zeit für die Entfaltung anderer Interessen und auch für gesellschaftliches und politisches Engagement. Die „Vier-In-Einem-Perspektive“ nennt das etwa Frigga Haug.

Es gibt aber auch noch andere Ideen einer solidarischen oder Gemeinwesen-Ökonomie. Auch der Index ‚Gute Arbeit‘, den die Gewerkschaften seit 2007 vorlegen, liefert Anhaltspunkte für eine bessere Gestaltung der Erwerbsarbeit. Das ist aber alles nicht zu haben ohne Konfliktbereitschaft im Hinblick auf die Einkommensverteilung, die sich in den zurückliegenden Jahren eindeutig zu Gunsten der Gewinnempfänger verschoben hat.

Vielen Dank, für das Interview!

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